Hinweise zur Durchführung von GenderONline-Workshops

Damit einer gelungenen Durchführung eines GenderONline-Workshops nichts im Weg steht, sind hier einige Tipps gesammelt.

Pädagogische Arbeit zu Gender

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Pädagogische Arbeit zu Gender

Sensible und reflektierte Herangehensweise

Die Themen Geschlecht, geschlechtliche Identität und sexuelle (bzw. romantische) Orientierung sind gerade in Jahren, in denen die Identitätsentwicklung im vollen Gang ist, sehr sensible und mitunter herausfordernde Themen für Kinder und Jugendliche. Im Rahmen des Workshops GenderONline wird der Fokus auf dieses sensible Thema gelegt.

Eine zentrale Aufgabe beim Heranwachsen für Kinder und Jugendliche ist die Entwicklung ihrer geschlechtlichen Identität – wer sind sie, wer wollen sie sein, welchem Geschlecht fühlen sie sich zugehörig und was ist dabei wichtig. Dieser Prozess kann mitunter langwierig, kompliziert und herausfordernd sein. Nicht alle Kinder und Jugendliche sind sich ihrer eigenen geschlechtlichen Identifizierung stets im Klaren oder empfinden das ihnen zugewiesene Geschlecht jederzeit als passend. Ähnliches gilt für die sexuelle (bzw. romantische) Orientierung, die sich im Laufe dieser Lebensphase als immer wichtiger für die Kinder und Jugendlichen darstellt.

Deswegen sollte bei der Thematisierung von Gender/sexueller Orientierung mit besonderer Umsicht und Sensibilität gearbeitet werden. Auf jeden Fall ist zu vermeiden, dass sich die Kinder und Jugendlichen gedrängt fühlen, über ihre eigene geschlechtliche Identität Auskunft geben zu müssen. Noch viel weniger sollten die Schüler*innen aufgefordert werden, über ihre Mitschüler*innen bezüglich deren geschlechtlichen Identität oder sexueller Orientierung zu mutmaßen bzw. zu sprechen.

Dramatisierung, Entdramatisierung, Nicht-Dramatisierung

In der gendersensiblen Medienarbeit hat sich das Konzept der „Dramatisierung, Entdramatisierung und Nicht-Dramatisierung“ als hilfreich erwiesen. Es geht von dem Dilemma aus, dass emanzipatorische Arbeit zu Geschlecht neue Räume und Denkweisen ermöglichen will, aber meist dennoch an einer geschlechterdichotomen und heterosexuellen Norm ansetzen muss. Es gibt mindestens folgende drei Ansätze, die in der geschlechterreflektierten Pädagogik Anwendung finden.

Dramatisierung von Geschlecht (Überbetonung)

Bei der Dramatisierung von Geschlecht kommt es zu einer Überbetonung geschlechtsspezifischer Stereotype, die nur bewusst eingesetzt werden sollte. Das gezielte Ansprechen dieser ist sinnvoll, wenn gemeinsam über Stereotype und Geschlechterverhältnisse nachgedacht und diese hinterfragt werden sollen. Beispielsweise beim Sprechen über Diskriminierung aufgrund des Geschlechts lässt sich eine Dramatisierung kaum verhindern. Wichtig ist dann der sensible Umgang damit und nach Möglichkeit eine Entdramatisierung im Anschluss.

Entdramatisierung von Geschlecht (Bagatellisierung)

Die Entdramatisierung von Geschlecht bagatellisiert Geschlecht/Gender. Es wird aufgezeigt, dass viel mehr als nur das Geschlecht Individuen ausmacht. Auch Menschen, die das gleiche Geschlecht haben, sind ganz unterschiedlich und können verschiedene Positionen in der Gesellschaft einnehmen.

Dieser Ansatz ist besonders sinnvoll, wenn die Kategorie Geschlecht von den Teilnehmenden selbst dramatisiert wird. Dann kann ein erweiterter Blick auf anderer Distinktionsmerkmale hilfreich sein, um die Dramatik aus der Geschlechtszugehörigkeit zu nehmen.

Wurde also zuvor, entweder aufgrund der angewendeten Methode oder durch die Teilnehmenden selbst, Geschlecht dramatisiert, ist eine Entdramatisierung von Geschlecht angebracht.

Nicht-Dramatisierung von Geschlecht (Nicht-Thematisierung)

Geschlechtersensibel arbeiten, geht auch, ohne Geschlecht direkt zu benennen. Das wäre dann eine Nicht-Dramatisierung von Geschlecht. Dies funktioniert, indem Sachverhalte, die oftmals geschlechtsstereotyp aufgeladen sind, für alle gleichermaßen zugänglich dargestellt werden. Zum Beispiel können Interessen geschlechtsunabhängig besprochen werden, sei es bezüglich Hobbies oder Berufswahl.

Quelle: “Dramatisierung, Entdramatisierung und Nicht-Dramatisierung in der geschlechterreflektierten Bildung” (2012) von Katharina Debus. In: “Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule.” (Hrsg. v. Dissens e.V. & Katharina Debus, Bernard Könnecke, Klaus Schwerma und Olaf Stuve)

Gruppenaufteilung nach Geschlecht?

In unseren Methoden haben wir bewusst kleine Gruppen eingeplant, die sich nach eigenem Wunsch zusammensuchen. Es sind demnach keine Großgruppen vorgesehen, wo Gruppen oft nach Geschlecht aufgeteilt werden, dennoch möchten wir an dieser Stelle gerne diese Art der Gruppenaufteilung reflektieren.

Eine Aufteilung in binär geschlechtergetrennte Gruppen, also Jungen- und Mädchengruppen, sollte vermieden werden. Wird aus bestimmten Gründen dennoch die Aufteilung in Jungen- und Mädchengruppen gewählt, ist ein sensibler und umsichtiger Umgang grundlegend.

Zusammengefasst gilt: einzelne Kinder und Jugendliche fühlen sich mit Zuordnungen zu Geschlecht eventuell nicht immer wohl. Nicht jedes Mädchen* fühlt sich in der Mädchengruppe wohl, dies gilt ebenso für Jungen* und insbesondere für trans* Jugendliche, intergeschlechtliche Jugendliche oder queere Jugendliche. Zudem ist zu bedenken, dass selbst in geschlechtergetrennten Gruppen die Unterschiede zwischen den einzelnen Mädchen* bzw. Jungen* enorm sein können und insofern nie eine echte „Geschlechterhomogenität“ hergestellt wird.

In vielen Fällen lassen sich Gruppen auch nach Interessen, Anfangsbuchstaben des Namens, Zufall, eigene Auswahl oder anderen Aspekten aufteilen. Auch eine Formulierung wie „Wer sich mit der Perspektive der Jungen auseinandersetzen möchte, geht in Gruppe A; die Perspektive der Mädchen wird in Gruppe B besprochen“ kann für die Schüler*innen schon entlastend sein, weil die Zuordnung nicht über „Du bist ein Junge/Mädchen“ passiert, sondern selbst gewählt wird. Dennoch gilt es zu reflektieren, ob die „Perspektive der Jungen“ das Thema wirklich gut trifft oder es nicht eine passendere Schwerpunktsetzung gibt. In manchen Fällen ist eine dritte Gruppe sinnvoll, damit keine rein binäre Zuteilung vorgenommen wird, diese sollte aber keine “Rest-Gruppe” sein.

Es sollte nicht nach unsichtbaren Diskriminierungsmerkmalen aufgeteilt werden. Ein Beispiel für so eine zu vermeidende Aufteilung wäre: „Wer schon diskriminierende Erfahrungen/Erfahrungen mit XY gemacht hat, geht in Gruppe A“.

Gesprächsregeln

Um auch mit der Gruppe des Workshops die notwendige Sensibilität zu erreichen, ist es sehr sinnvoll, zu Beginn des Workshops gemeinsame Gesprächsregeln aufzustellen. Im besten Falle werden diese so festgehalten, dass sie während des gesamten Workshops für alle sichtbar sind. Sollte es in der Gruppe bereits bestehende Gesprächsregeln geben, ist ein gemeinsames erneutes Draufgucken anzuraten und bei Bedarf zu ergänzen.

Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass bei einem so sensiblen Thema nicht über andere gesprochen oder gemutmaßt wird. Wer von sich aus Kommentare zu Geschlecht und Sexualität machen möchte, soll dies nur für die eigene Perspektive und Person tun. Allgemein gilt, dass die Kinder und Jugendlichen an keinem Punkt in den Methoden konkret dazu aufgefordert werden. Es steht stets eine allgemeine Reflexion über Geschlechtlichkeit und Geschlechterstereotype im Vordergrund oder es werden Personen des öffentlichen Lebens als konkrete Beispiele angeführt.

Wie wollen wir heute miteinander sprechen?

  • Wir lassen uns gegenseitig ausreden.
  • Wir sprechen nicht über andere.
  • Wir stellen keine Vermutungen über andere an.
  • Wir verletzen andere mit Begriffen nicht.
  • Wir lachen niemanden aus.

Schwierigkeiten

Es kann bei solchen Workshops zu Schwierigkeiten kommen, manche sind mit dem Thema, das im Mittelpunkt steht, eng verbunden. Wir haben deswegen hier einige potenziellen Situationen aufgeführt und Vorschläge zum Umgang damit gemacht.

Was tun bei Schwierigkeiten in Bezug auf das Thema „Geschlechtliche Vielfalt“?

Im Rahmen eines solchen Workshops können Situationen entstehen, die nicht geplant sind. Dabei kann es auch zu Problemen oder Schwierigkeiten im Kontext der Thematik kommen – für die gesamte Gruppe oder für einzelne Kinder und Jugendliche. In jedem Fall ist ein achtsamer Umgang ratsam oder eventuell auch eine Intervention angebracht. Als pädagogische Fachkraft haben Sie sicherlich bereits Ideen an der Hand, wie Sie damit umgehen. Dennoch seien hier ein paar Denkanstöße vorgeschlagen.

Es kann hilfreich sein, herauszufinden, was die Gründe für die schwierige Situation sind. Fühlt sich jemand unwohl, überfordert, gelangweilt, unangenehm berührt? Ob dies mit der Gruppe gemeinsam thematisiert wird oder lieber in einem Vier-Augen-Gespräch kommt stets auf die Situation an. 

Wenn eine Methode zu einer schwierigen Situation führt, sollte in Erwägung gezogen werden, diese Einheit abzubrechen und eventuell eine unproblematische Methode als Alternative durchzuführen. Oft ist es auch hilfreich, eine Pause einzulegen.

Wenn die Schwierigkeiten im Gruppenkontext aufgekommen sind und besprochen werden können/konnten, ist Zeit für eine Reflexion beispielsweise in Kleingruppen eventuell sinnvoll. So können die Kinder und Jugendlichen in ihren eigenen Worten miteinander ins Gespräch kommen und die Situation besprechen. Geben Sie gerne dafür einen zeitlichen Rahmen dafür vor und seien Sie ansprechbar.

Möglicherweise ist es wichtig, den Schwierigkeiten im Nachhinein nochmal einen Raum zu geben, also beispielsweise einige Tage oder Wochen im Nachgang nochmal darüber zu sprechen.

Beleidigungen, Schimpfwörter, etc. – was tun?

Eingangs wurde schon darauf hingewiesen, dass das Thema „Geschlecht und Sexualität“ ein sensibles ist, da es jede Person betrifft, aber nicht für alle gleichermaßen selbstverständlich und unproblematisch ist. 

Manche der besprochenen Wörter werden leider nach wie vor beispielsweise als Schimpfwort benutzt („schwul“, „Transe“, „Homo“, etc.). Sollte es dazu kommen, ist es wichtig, darauf einzugehen und dies nicht unkommentiert stehen zu lassen. Wenn solche Wörter als Schimpfworte oder Beleidigung verwendet werden, sollte darauf eingegangen werden, warum das nicht in Ordnung ist. In den vorab aufgestellten Kommunikationsregeln wurde sich von allen darauf geeinigt, einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen. Eine inhaltliche Diskussion über den gefallenen Begriff, kann den Kindern aufzeigen, warum das nicht okay ist. Beispielsweise bezeichnet „schwul“ eine sexuelle Orientierung, ist völlig wertfrei und stellt schlicht keine Grundlage für eine Beleidigung dar. 

Wenn einzelne Kinder beleidigt oder bloßgestellt werden, sollte die Fachkraft je nach Situation entscheiden, wie damit umgegangen wird – beispielsweise eine Gruppenintervention oder ein Einzelgespräch. Die Situation sollte aber nicht unkommentiert bleiben, damit die betroffene Person nicht damit allein gelassen wird. 

Eine empathische Fehlerkultur ist wichtig; vielen Kindern ist nicht klar, warum bestimmte Wörter als Beleidigung nicht akzeptabel sind.

Kommt es zu einem Fremd-Outing, also einer Situation, in der ein Kind von anderen in Bezug auf die geschlechtliche Identifizierung oder sexuelle Orientierung ungewollt geoutet wird, sollte hier ebenfalls empathisch und bedacht interveniert werden. 

In den Workshops ist es uns immer wieder passiert, dass Kinder und Jugendliche zu Beginn der Thematik provokant oder abweisend gegenüberstanden. Hilfreich ist es hier, diese Meinung als solche wahrzunehmen und zu hören, aber ihnen nicht zu viel Raum zu geben. Im Nachhinein waren dies bei unseren Workshops oft die engagiertesten und auch interessiertesten Teilnehmenden, die den Workshop als positiv bewertet haben.

Probleme mit der Technik

Ein medienpädagogischer Workshop steht und fällt mit der Vorbereitung der Technik. Doch selbst, wenn alle Punkte der Checkliste im Vorfeld sorgsam bedacht wurden, kann immer was schief gehen – sei es ein nicht funktionierendes Internet, Apps, die unbedingt upgedatet werden wollen, oder was auch immer… 

Oft ist es hilfreich, mit der Gruppe gemeinsam das Problem anzugehen. Viele Jugendliche kennen sich gut mit Technik aus und haben eventuell sogar Lösungsvorschläge parat. Oder die Aufgabe wird gemeinsam die Aufgabe geändert, so dass sie zu den vorherrschenden Bedingungen passen.


Informierung der Erziehungsberechtigten

Eventuell kann es sinnvoll sein, sich im Vorfeld zu überlegen, ob die Erziehungsberechtigten über die Durchführung des Workshops informiert werden sollten. Um möglichen Widerständen zu begegnen, kann dann im Vorfeld schon darauf hingewiesen werden, dass es sich keineswegs um einen sexualpädagogischen Workshop handelt. Die Methoden beschäftigen sich mit der Vielfalt von Geschlecht (und Sexualität), so wie sie auch im Alltag der Kinder und Jugendliche vorzufinden ist.

Je nach dem, wie die Medienprodukte gestaltet sind und ob sie anderen zur Verfügung gestellt werden, ist zu überlegen, ob eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten vorliegt, Selbstbilder etc. der Kinder und Jugendlichen zu erstellen.

Weitere Infos finden sich dazu auch bei webhelm.

Datenschutz und Urheber*innenrecht

Wenn mit Medien gearbeitet wird, ist eine Auseinandersetzung mit Datenschutz und Urheber*innenrecht unerlässlich.

Mehr zum Thema Datenschutz gibt es bei webhelm.

Auch zum Thema informationelle Selbstbestimmung bietet webhelm einen guten Überblick.

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